Seit acht Jahren zu heiß?
Die Beschlussvorlage der Stadt Quickborn vom 8. Oktober 2026 hat es in sich. Die Kita Nordlicht in der Zeppelinstraße leide bereits seit ihrer Inbetriebnahme unter sommerlicher Überhitzung. Der Innenhof heize sich auf, Schatten fehle, nachts kühlten die Gebäude nicht ausreichend ab.
Bis zu 35 Grad sollen in den Gruppenräumen gemessen worden sein. Im vergangenen Sommer mussten Eltern ihre Kinder teilweise vorzeitig abholen.
Das ist für eine Kindertagesstätte nicht hinnehmbar. Kinder und Beschäftigte brauchen vernünftige Aufenthaltsbedingungen.
Nur: Wenn die Probleme tatsächlich seit 2018 bestehen, warum kommt die Verwaltung erst jetzt mit einer solchen Vorlage?
Quickborn Aktuell hat die damaligen Veröffentlichungen und die städtischen Verwaltungsberichte noch einmal durchgesehen. In den geprüften öffentlichen Berichten finden sich keine gesonderten Hinweise auf ein seit Jahren bestehendes gravierendes Hitzeproblem. Auch im umfangreichen Berichtswesen zur Jahresmitte 2025 und 2026 wird Nordlicht zwar bei den Betreuungsplätzen aufgeführt, die Überhitzung aber nicht eigens thematisiert.
Ob es interne Beschwerden gegeben hat, bleibt offen.
4,8 Millionen Euro für einen ökologischen Neubau
Beim ersten Spatenstich im März 2018 und bei der offiziellen Übergabe im Mai 2019 wurde die neue Kita als besonders umweltfreundliches Bauprojekt vorgestellt.
Der Zeppelin-Konzern hatte auf seinem ehemaligen Betriebsgelände vier Gebäude in moderner Holzmodulbauweise errichtet. Die Baukosten betrugen rund 4,8 Millionen Euro. Erste Gebäudeteile wurden bereits im Oktober 2018 genutzt.
Der Bauherr hob damals die hohe Energieeffizienz, die fortschrittliche Wärmedämmung und die überwiegend regenerative Energieversorgung hervor. Nach eigenen Angaben wollte Zeppelin höchste ökologische Standards verwirklichen.
Jetzt sollen ausgerechnet bei diesem Neubau von Anfang an erhebliche Probleme mit dem sommerlichen Wärmeschutz bestanden haben.
Dabei war sommerlicher Wärmeschutz auch 2018 kein unbekanntes Thema. Schon damals gab es verbindliche Anforderungen, um eine übermäßige Aufheizung von Gebäuden zu begrenzen.
Wurden diese eingehalten? War die Beschattung ausreichend? Und weshalb soll das Gebäude bereits seit seiner Eröffnung unter diesen Problemen leiden?
Die aktuelle Vorlage beantwortet diese Fragen nicht.
35 Grad im Sommer – aber wann und warum?
Ein Blick auf die Wetterdaten hilft bei der Einordnung.
Im Sommer 2026 gab es auch in Norddeutschland Tage mit außergewöhnlich hohen Temperaturen. Bei Außentemperaturen von 35 Grad oder mehr sind ähnlich hohe Temperaturen in einem Gebäude zunächst kein Beweis für einen Baumangel. Selbst moderne Gebäude können sich bei extremer Hitze erheblich aufheizen.
Interessanter wäre deshalb zu erfahren, wann die 35 Grad in der Kita tatsächlich gemessen wurden.
Herrschten draußen ebenfalls 35 Grad oder mehr? Oder erreichten die Räume diese Temperaturen bereits bei gewöhnlichem Sommerwetter mit 25 bis 28 Grad?
Dieser Unterschied ist erheblich. Die Vorlage enthält dazu keine Angaben.
Besonders auffällig ist allerdings, dass die Verwaltung selbst mangelnde Beschattung und einen Hitzestau im Innenhof als Ursachen nennt.
Direkte Sonneneinstrahlung kann Räume weit über die Außentemperatur aufheizen. Die Sonnenstrahlen dringen durch Fenster, erwärmen Fußböden, Möbel und Innenflächen. Diese geben die aufgenommene Wärme anschließend an die Raumluft ab.
Das Problem lässt sich häufig schon erheblich reduzieren, wenn die Sonne gar nicht erst ins Gebäude gelangt.
Außenliegende Jalousien, Markisen oder Sonnensegel sind dafür bewährte Mittel. Sie verhindern einen großen Teil des Wärmeeintrags, bevor die Sonnenstrahlung die Fensterscheiben erreicht.
Die Verwaltung berichtet, dass bereits Außenjalousien für die Schlafräume der Krippenkinder, ein Sonnenschirm im Innenhof und Fensterfolien an den Ausgangstüren angebracht wurden.
Warum wurde nicht zunächst ein umfassendes Beschattungskonzept für die Gebäude entwickelt?
Und warum wird jetzt ausgerechnet eine technische Kühlung mit zusätzlicher Photovoltaikanlage vorgeschlagen, ohne die Alternativen nachvollziehbar darzustellen?
Bäume wären inzwischen schon gewachsen
Es gibt noch eine andere Möglichkeit, die nicht nur einzelne Räume kühlt, sondern gleich das Mikroklima verbessert: Bäume.
Im November 2020 wurden tatsächlich drei Winterlinden auf dem Gelände gepflanzt. Sie waren ein Geschenk des Garten- und Landschaftsbaubetriebs Thomas Heiden im Rahmen einer Aktion des Rotary Clubs Quickborn.
Die Bäume sollten den Kindern und Beschäftigten Schatten spenden und gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.
Ein sinnvoller Ansatz.
Allerdings scheint die Beschattung nach Einschätzung der Verwaltung weiterhin nicht auszureichen. Wie sich die drei Linden inzwischen entwickelt haben und welchen Schatten sie tatsächlich spenden, bleibt offen.
Vielleicht hätte man frühzeitig weitere Bäume pflanzen sollen. Nach sechs oder acht Jahren wären sie jedenfalls schon ein gutes Stück gewachsen.
Mit einem Budget von etwa 2.000 Euro je geeignetem Baum einschließlich Pflanzung ließe sich einiges anfangen.
Man müsste die Beschaffung und Pflanzung allerdings nicht unbedingt der Stadt Quickborn überlassen. Sonst besteht die Gefahr, dass aus einem gewöhnlichen Baum wieder ein außergewöhnlich teures Quickborner Projekt wird.
Vielleicht wäre die AWO mit einem örtlichen Gartenbaubetrieb die bessere Adresse.
Bäume ersetzen nicht jede technische Kühlung. Aber sie spenden Schatten, verbessern das Mikroklima und brauchen keinen Stromanschluss.
Vor allem sollte man sie pflanzen, bevor der nächste heiße Sommer kommt – nicht erst danach.
30 Jahre Mietvertrag – und die Stadt soll investieren?
Noch interessanter wird es bei den Eigentumsverhältnissen.
Für die Kita wurde ein Mietvertrag über 30 Jahre abgeschlossen. Gleichzeitig erhielt die Stadt die Möglichkeit, die Immobilie nach zehn Jahren zu erwerben.
Im Haushaltsplan 2024 war der mögliche Kauf bereits konkret vorgesehen: 3,84 Millionen Euro für den Erwerb im Jahr 2027. Weitere 500.000 Euro sollten 2028 in die Modernisierung fließen.
Im aktuellen Haushaltsentwurf 2027 ist dieser Erwerb nicht mehr erkennbar.
Vielleicht kauft die Stadt die Kita also überhaupt nicht.
Warum soll sie dann jetzt Klimaanlagen und eine Photovoltaikanlage finanzieren, die dauerhaft in einer fremden Immobilie eingebaut werden?
Solche technischen Einbauten erhöhen schließlich den Nutzwert des Gebäudes. Es wäre deshalb naheliegend, zunächst die Verpflichtungen des Eigentümers zu prüfen.
Natürlich kann man auch vereinbaren, dass der Eigentümer investiert und die Finanzierung über die Miete berücksichtigt wird. Das müsste allerdings wirtschaftlich geprüft und vertraglich geregelt werden.
Die Stadt kann nicht einfach voraussetzen, dass jede gewünschte bauliche Verbesserung eines angemieteten Gebäudes aus der Stadtkasse zu bezahlen ist.
Zumindest sollte erklärt werden, warum der Eigentümer die Kosten nicht selbst trägt oder sich daran beteiligt.
In der Beschlussvorlage steht dazu nichts.
Und dann sind da noch die Legionellen
Fast beiläufig enthält die Vorlage eine weitere Überraschung.
Die Durchlauferhitzer seien wegen Legionellengefahr entfernt worden. Eine Warmwasseraufbereitung sei deshalb nicht mehr vorhanden.
Das ist ungewöhnlich.
Gerade Durchlauferhitzer gelten bei fachgerechtem Einbau und Betrieb als hygienisch günstige Lösung. Sie erwärmen Wasser erst bei Bedarf. Ein großer Warmwasserspeicher, in dem sich bei ungünstigen Temperaturen Legionellen vermehren können, wird nicht benötigt.
Die Geräte können mit ausreichend hohen Temperaturen betrieben werden. Thermostatisch geregelte Armaturen sorgen dafür, dass sich Kinder am heißen Wasser nicht verbrühen.
Warum mussten die Durchlauferhitzer also ausgebaut werden?
Gab es tatsächlich einen Legionellenbefund? Lag das Problem möglicherweise im Leitungssystem? Und weshalb wurde die Warmwasserversorgung nicht längst wiederhergestellt?
Für eine Einrichtung, in der auch Kleinkinder betreut werden, ist das keine Nebensächlichkeit.
Auch hierzu liefert die Vorlage keine Erklärung.
Die Kosten? Erfahren die Politiker erst in der Sitzung
Am 27. Oktober sollte der Ausschuss für Kinder, Jugend und Soziales die Kostenübernahme für die Kältetechnik und eine passende Photovoltaikanlage beraten.
Wie viel Geld dafür benötigt wird, stand nicht in der veröffentlichten Vorlage.
Der Kostenvoranschlag sollte erst in der Sitzung vorgestellt werden.
Eine nachvollziehbare Gegenüberstellung der verschiedenen technischen Möglichkeiten fehlte ebenfalls. Ebenso Aussagen zu den laufenden Kosten, zur Beteiligung des Eigentümers und zu den Folgen für einen möglichen späteren Immobilienkauf.
Das ist eine bemerkenswerte Vorbereitung einer politischen Entscheidung.
Während Quickborn über einen Haushalt mit einem erheblichen Millionendefizit beraten muss, sollen die Ausschussmitglieder über zusätzliche Ausgaben entscheiden, ohne vorher deren Höhe und wirtschaftliche Begründung prüfen zu können.
Bei der Sanierung der DRK-Kita Talstraße empfiehlt die städtische Finanzverwaltung im aktuellen Haushaltsentwurf ausdrücklich eine vertragliche Absicherung und einen Sperrvermerk, solange wichtige Finanzierungsfragen ungeklärt sind.
Warum sollte bei der Kita Nordlicht weniger Sorgfalt erforderlich sein?
Niemand verlangt, notwendige Schutzmaßnahmen für Kinder hinauszuzögern. Es wäre allerdings ein Unterschied, ob die Stadt kurzfristig für ausreichende Beschattung sorgt oder dauerhaft teure Technik in ein fremdes Gebäude einbauen lässt.
Quickborn Aktuell hat nachgefragt
Wir haben der Stadt Quickborn entsprechende Fragen gestellt.
Uns interessiert insbesondere, seit wann die Hitzeprobleme tatsächlich bekannt sind, welche Raumtemperaturen bei welchen Außentemperaturen gemessen wurden und was bisher dagegen unternommen worden ist.
Wir möchten außerdem wissen, ob der ursprüngliche sommerliche Wärmeschutz beim Bau ordnungsgemäß umgesetzt wurde, welche Verantwortung der Eigentümer trägt und was aus der vertraglichen Erwerbsmöglichkeit geworden ist.
Auch die geplanten Kosten, die Prüfung einfacher Beschattungsmaßnahmen und der ungewöhnliche Vorgang um die Durchlauferhitzer sind Gegenstand unserer Fragen.
Wir hoffen auf eine Stellungnahme der Stadt und werden darüber berichten.
Bis dahin bleibt ein erstaunliches Bild:
Eine 2019 als ökologisches Vorzeigeprojekt übergebene Kindertagesstätte soll seit ihrer Inbetriebnahme unter erheblichen Hitzeproblemen leiden. Die Verwaltung nennt selbst mangelnde Beschattung als Ursache, schlägt aber nun Kältetechnik samt Photovoltaik vor.
Die Immobilie gehört der Stadt nicht. Ob sie jemals erworben wird, ist offen. Eine Beteiligung des Eigentümers wird nicht erläutert. Die Kosten stehen in der vorliegenden Beschlussvorlage nicht fest.
35 Grad in einer Kita sind nicht akzeptabel. Aber bevor die Stadt eine teure Klimaanlage bezahlt, sollte sie wenigstens wissen, ob nicht ein vernünftiger Sonnenschutz das eigentliche Problem lösen kann.
Und wer am Ende die Rechnung bezahlen muss.